Schiffsarchäologie

Die "Glenboig-Bark" - das besterhaltene hölzerne Schiffswrack vor Rostock


Abb. 1: Ansicht der Glenboig-Bark. Foto: H. Pohl

Mitten in der Kadetrinne befindet sich das besterhaltene Holzschiffswrack in der Nähe von Rostock. Seit dem Jahre 2001 fanden Untersuchungen der Gesellschaft für Schiffsarchäologie (LV Unterwasserarchäologie M-V) an diesem Bodendenkmal im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege M-V statt.
Ziel war eine erste Bestandsaufnahme des bis dato unbeschriebenen Schiffswracks. Zusätzlich wollten die Taucher der Gesellschaft für Schiffsarchäologie die Geschichte dieses Schiffes erforschen, d.h. versuchen, etwas über Namen, Ladung, Nationalität und Untergang herauszufinden.



Kurzbeschreibung:
Es handelt sich um ein hölzernes Schiffswrack, dass sich in der Kadetrinne in einer Wassertiefe von ca. 22 m befindet. Es liegt direkt auf seinem Kiel auf. An Heck und Bug haben sich tiefe Kolken gebildet, die bis unter dem Kiel reichen. Mittschiffs ist das Wrack bis zur Bordwand eingesandet. Erhalten ist das Schiff vollständig bis einschliesslich Oberdeck. Lediglich die Aufbauten und Masten sind nicht mehr vorhanden. Alles drei Masten sind sauber aus den Mastlöchern gezogen worden. Die Heckkajüte fehlt vollständig, das Bugbratspill ist noch vollständig erhalten. Es konnten zwei Ladeluken beobachtet werden. Die Länge zwischen den Steven beträgt 32 m.



Ladung:
Die Laderäume sind bis unters Deck mit Ziegelsteinen (Schamottsteine?) gefüllt. Durch die auf fast jedem Stein erkennbare Inschrift war eine Identifizierung der Ladung möglich. oben: STARWORKS darunter: GLENBOIG. links J, rechts D.

Es handelt sich um Ziegelsteine aus einer bekannten schottischen Ziegelei: Glenboig Union Fire Clay Co Ltd. Glenboig, Scotland. Eine recht ansichtige Website gibt die Geschichte dieser damals sehr erfolgreichen Ziegelei wieder: http://www.monklands.co.uk/glenathill/bricks.htm



Abb. 2: Ziegelstein aus der Ladung der Glenboig-Bark. Foto: H. Pohl


Abb. 3: www.monklands.co.uk/glenathill/bricks.htm



Inventar:
Zu Bestimmungszwecken sind aus dem Bereich der Achterkajüte Funde entnommen worden. Es handelt vor allem um Geschirr und Flaschen. Diese Zeitzeugen halfen, das Schiffswrack ungefähr zeitlich einzuordnen (letztes Drittel des 19. Jh.). Alle geborgenen Funde sind dem Landesamt für Denkmalpflege M-V ordnungsgemäß übergeben worden.


Abb. 4: Inventar der "Glenboig-Bark", unter anderem auch Teil des Kapitänsservice aus englischem Steingut. Foto: H. Pohl



Schiffstyp:
Der Arbeitsname "Glenboig-Bark" bezieht sich einerseits auf die Herkunft der Ladung: "Glenboig", andererseits auf den Schiffstyp "Bark".
Für eine Bark sprechen die Form des Rumpfes sowie die Dreimastigkeit. Es war ein zu dieser Zeit sehr typischer Vertreter der Frachtsegelschiffe. Ein anschauliches Bild dieses Schiffstyps, inkl. vieler übereinstimmender Konstruktionsmerkmale, gibt das untenstehende Foto einer "Rostocker Bark" aus dem Schifffahrtsmuseum Rostock wieder.



Abb. 5: Modell der "Rostocker Bark",
Schifffahrtsmuseum Rostock. Foto: H. Pohl




Datierung:
Datierungshinweise lieferten die Ladung, das Inventar sowie die Bauweise des Schiffes. Alles deutete auf die 2. Hälfte des 19. Jh. hin.

Genaueres erfuhren wir durch eine dendrochronologische Datierung eines vom Wrack entnommenen Holzstückes. Der Dendro-bericht des DAI-Berlin besagt: Das Holz stammt aus dem Niedersächsischen Küstenraum, um/nach 1857 geschlagen.

Nach Berücksichtigung zusätzlicher Faktoren wie fehlende Jahrringe, Bauzeit sowie mögliche Lebensdauer des Schiffes engt sich der Zeitraum auf das letzte Drittel des 19. Jh. ein.




Untergang:
Die Untergangsursache lässt sich nur erahnen. An der Backbordseite, ca. 8 m vom Bug des Wracks entfernt, befindet sich ein tiefer, zwei Meter langer Riss. Diese recht scharf begrenzte Öffnung zieht sich vom Schanzkleid durchs Oberdeck bis tief hinunter in den Rumpf des Schiffes.
Handelt es sich dabei um die Spuren einer Kollision ? Oder zeugt dieser Riss von einem missglücktem Bergungsversuch? Es fand sich in der Öffnung ein langes Stahlkabel, dass entweder durch die Strömung eingetragen wurde oder Rest eines Bergungsversuches sein könnte.



Abb. 6: Ansicht der Backbordseite der "Glenboig-Bark"
mit 2 m tiefem Riss. Foto: H. Pohl



Identifizierung:
Leider konnten bisher keine Spuren der Geschichte dieses Schiffswracks in Archiven gefunden werden.




Dank:
Der besondere Dank gilt allen beteiligten Tauchern der Gesellschaft für Schiffsarchäologie e.V., die trotz der langen Anfahrt, des beunruhigendem Schiffsverkehrs und der schlechten Sicht unter Wasser, wesentlich dazu beigetragen haben, dieses Schiffswrack zu erforschen. Mein spezieller Dank geht an Stefan Tietze für die Erstbetauchung, die anschaulichen Skizzen und wertvollen Informationen.




Impressionen



Abb. 7: Heckansicht der Glenboig-Bark. Foto: H. Pohl



Abb. 8: Arbeitsskizze der "Glenboig-Bark. Skizze: St. Tietze


Abb. 9: bis unter das Deck gestapelte Steine als Ladung, Foto: H. Pohl



Abb. 10: Vermessung durch Taucher der Gesellschaft für Schiffsarchäologie. Foto: H. Pohl


Abb. 11: Speigatt aus Bronze an Steuerbordseite. Foto: H. Pohl


Abb. 12: Heckansicht des Modells der "Rostocker Bark". siehe auch ähnliches Speigatt. Foto: H. Pohl



Abb. 13: Bratspill auf dem Vorschiff.
Foto: H. Pohl


Abb. 14: Bugansicht des Modells der "Rostocker Bark". siehe auch ähnliches Bratspill. Foto: H. Pohl



Autor: Henrik Pohl M.A., Oktober 2008
Kontakt: henrik.pohl@gmx.de



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